Ältere deutsche Habichtslehre

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Die Ältere deutsche Habichtslehre, die zu Beginn des 14. Jh. entstanden ist, kann als „Deutschlands wertvollste[r] Beitrag zur spätmittelalterlichen europäischen Jagdliteratur auf dem Gebiet der Beize“ (Lindner 1964: 9) bewertet werden. Es handelt sich um die älteste originäre deutschsprachige Abhandlung zur Beizjagd.

Inhalt

Der Text beschreibt insbesondere Pflege und Abrichtung, d.h. ‚Ausbildung‘, des Habichts, der im Gegensatz zu West- und Südeuropa dem Falken und Sperber vorgezogen wurde (vgl. Keil: 1978). Eine Überarbeitung und inhaltliche Erweiterung erfährt die Ältere deutsche Habichtslehre mit der Jüngeren deutschen Habichtslehre.

Insgesamt ist der vergleichsweise praxisnahe Text in 39 kurze Kapitel gegliedert, die die äußerlichen Eigenarten der Habichte, ihre Pflege und Abrichten, die Habicht-Heilkunde und das Abrichten des Beizwindes (Jagdhund, der bei der Beizjagd mit dem Habicht zusammenarbeitet) behandeln (vgl. van den Abeele 1997: 106):

Inhalt der 'Älteren deutschen Habichtslehre' nach Kapiteln
Kapitel Inhalt Kapitel nach Fassung M
1-27 Eigenarten, Pflege und Abrichten des Habichts (1) Uon den habichen es ſey weyb oder män...

(2) Wÿe ſich der habich auch fërbet...

(2.1) Ob ſy kalt oder warm ſey habent geſtanden...
(2.2) Uff welchem bawm dy habich geſtanden habent...

(3) Wie man dy edelen habich bekennen ſol...

(4) Von nẏſtlungen...

(5) Von wÿlttflugeln...

(6) Uon vngeſundem aſze allerhand...

(7) Uon dem wilden aſze...

(7.1) Wann man nicht flayſches gehaben mag...

(8) Wie die ayer gut ſint dem habiche...

(9) Uon claynen vogelen...

(10) Wie man den habich beraitten ſol...

(11) So der habich gelockt wirt...

(12) Von dem volaſze...

(13) Uon dem morgen fluge...

(14) Wie man den habich werffen ſol...

(14.1) So der habich auf dem vogel ſtat...

(15) Uon den verre fliegenden habichen...

(15.1) Welich habich gerne auff die hünt oder auff dẏ ſchwein vëllet...
(15.2) Ob der habich den vogel gerne fahet...

(16) So der habich ze magerr wirt...

(17) Uon der mawſze des habichs...

(18) Uon den̈ nÿſtlingen...

(19) Uon der federn die er nicht reren wil jn der mawſze...

(19.1) Wie dem habich das gefiderr verderbet...

(20) So der habich ze faiſte worden iſt...

(20.1) Uon geweltem vnd naſzem...

(21) Wie man den̈ habich ſanffte ſol mager werden...

(22) Zu welicher zeit der habich genuͤg geſpennet ſeÿ...

(23) Wie man den habich zu derr hant ſpennet...

(24) Wie der habich luͤſtig werde...

(24.1) So der habich in dem hawſze ſwinget...
(24.2) Zu zwaÿen maln Inne dem Iare mag man dën habich zu bayſzen beraÿten...
(24.3) Merck iſt der habich faiſte...

(25) Wiltu den habich Inne rechter maſzen behalten...

(25.1) Mit dem vngearbaiten habich mag man wol von erſten claynen vogel fahen...
(25.2) Inne dem herbſte fehet der habich gerne die krenich...

(26) Uon des habichs kinthait...

(27) Von dem ſchreyenden habichen...

28-36 Habicht-Heilkunde (28) Ob deͤr habich keÿchet oder ſchnodelt...

(29) Einem habich verhertët dick der ſchnabel...

(30) Von den gewellen...

(31) Ob der habich wunt iſt...

(32) Für dy lewſe...

(33) Ob dem habich die claen ab brichet...

(34) Ob ſich dem habich ain feder krumet...

(35) So der habich dorret...

(36) So dem habich die fuͤſze ſwellent...

37-39 Anreichten des Beiwindes (37) Wer gern vehet gros vogel mit habichen...

(38) Von dem hünd dën man lėren wil...

(39) Ob du allein reÿten wild baÿſzen mit dem habich...

Überlieferung

M München, Staatsbibliothek, Cgm 289, fol. 180ra–119rb

Die Sammelhandschrift aus der Staatsbibliothek München, die 1442 von einem Berufsschreiber, Sydeler von Landsberg (fol. 2va,8), in nordbairischer Sprache geschrieben wurde, überliefert die jüngere Fassung der Älteren deutschen Habichtslehre. Innerhalb der Handschrift sind noch weitere Texte tradiert, die dem Bereich der Jagd zugeordnet werden können (u.a. Lehre von den Zeichen des Hirsches).

Informationen zum Codex

Handschriftencensus https://handschriftencensus.de/3734
Digitalisat http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00113821-6

Informationen zum Text

Beschreibstoff Papier
Blattgröße 30 x 21 cm
Schriftraum 21,8-23,5 x 14-14,8 cm
Spaltenzahl zweispaltig
Zeilen 25-30
Entstehungszeit 1442 (fol. 2va,7)
Entstehungsort Landsberg am Lech (vgl. Maslo 2017: 147)
Schreibsprache nordbairisch-ostfränkisch (vgl. Maslo 2017: 148-151)
Schreiber/Hände Sydeler von Landsberg (fol. 2va,8)
Schrift Bastarda
Seitenumfang fol. 108ra-119rb
Version/Fassung Jüngere Fassung M (nach Lindner 1964: 11)
Kolophon Ianuarÿ Anno 1442 octava Iohannis

per manus ſydeler ze landsperg ſtat

mawrer got ſey genädig dem ſchreiber

(fol. 2va,7-9)

Titel -
Incipit <U>on den habichen es ſey

weyb oder män Merck

iſt es ain habich das

iſt ain ſy ſo iſt/ ains ein dertzel

oder ain clayn habich das iſt

der Eer etc. etc.

(fol. 108ra,1-6)

Explicit Merck es ſein auch

zwen hunde ainen habich

vil beſzer ze machen wenn

ainer oder mёr wann zwёn etc. etc.

etc. etc. Finis etc.

(fol. 119rb,14-18)

Mitüberlieferung fol. 1ra-89rb Jacobus de Theramo: Belial, dt.
fol. 90ra-103rb Heinrich Fuller von Hagenau: Opus de moribus prelatorum, dt.
fol. 103va-107vb Lehre von den Zeichen des Hirsches
fol. 108ra-119rb Ältere deutsche Habichtslehre
fol. 119va-131rb Gottfried von Franken: Pelzbuch
fol. 131va-135ra Meister Albrant: Roßarzneibuch
gedruckte Editionen
  • Lindner 1964: 99-135
  • Maslo 2017: 22-60 (mit nhd. Übersetzung)
digitale Edition Link folgt


N München, Universitätsbibliothek, Ms. 354.8°, fol. 1r–30v

UB München, Münchener Jagdbuch, 8° Cod. ms. 354, fol. 1r (lizensiert unter CC0 1.0) https://doi.org/10.5282/ubm/digi.234

Die Papierhandschrift aus der Münchener Universitätsbibliothek, die in die Mitte des 15. Jahrhunderts datiert werden kann, überliefert die ältere Fassung der Älteren deutschen Habichtslehre (vgl. Giese 2003: 513). Der Codex wurde von mehreren Händen in bairischer Schriftsprache geschrieben und enthält neben der Habichtslehre noch weitere Texte, die dem Bereich der mittelalterlichen Jagdliteratur zugerechnet werden können (u.a. Lehre von den Zeichen des Hirsches).

Informationen zum Codex

Handschriftencensus https://handschriftencensus.de/10847
Digitalisat

https://doi.org/10.5282/ubm/digi.234

Informationen zum Text

Beschreibstoff Papier
Blattgröße 15 x 10,5 cm
Schriftraum 10,5-11 x 6,3-6,8 cm
Spaltenzahl einspaltig
Zeilen meist 19
Entstehungszeit um 1450 (vgl. Giese 2003: 502)
Entstehungsort Süddeutschland
Schreibsprache mittelbairisch (vgl. Maslo 2017: 153-155)
Schreiber/Hände eine Hand
Schrift Bastarda und Notula
Seitenumfang 1r-30v
Version/Fassung Ältere Fassung N (nach Lindner 1964: 279)
Kolophon -
Titel -
Incipit Dicz puͤechlein ſagt von der

weydenheit wer dez begert /

Aüch von dem vedirſpill das

darzü gehoͤrtt /

(fol. 1r,1-4)

Explicit Merckw

ez iſt peſſer mit zwain hunt

= en mit dem habich dan mit

eynem / vnd doch auch nicht

mer dan czwen amen /

(fol. 30v,14-18)

Besitzeintrag Wolf A

Schmidt

zue Ebersreit gehört

daß Wait Büechell wers

mir stült der ist ein

dieb vnnd ain Schellm in der

heut dis Büechell ist alt 100 Jar

(fol. 63r; vgl. Kornrumpf/Völker 1968: 335)

Mitüberlieferung fol. 1r-30v Ältere deutsche Habichtslehre
fol. 31r-33r Arzneien für Jagdvögel
fol. 33r-41v Arzneien für Vögel
fol. 42r Von der Jagd mit dem Habicht
fol. 42v-54v Lehre von den Zeichen des Hirsches
fol. 54v-56v Waidsprüche
fol. 56v Segen
fol. 57r-60v Vogelfang
fol. 60v Rezept (Rossarznei)
fol. 61r-62r Vogelfang
fol. 63r Besitzeintrag
fol. 64v-66r Hasensuche
fol. 67r Wolf- und Fuchsfang
fol. 67v-76v Segen, Arzneien, Hausmittel
fol. 67v Drei-Brüder-Segen
fol. 68r Zwei Morgensegen
fol. 68r-68v Zwei Hausmittel aus eingeweichten Semmeln für die Lunge
fol. 68v-69r Wundtrank und -segen
fol. 69r Zwei kurze Rosssegen
fol. 69v-70v Drei Schutzsegen
fol. 71r Zwei Hausmittel von jungen Schwalben und Galitzenstein
fol. 71v-72r Kreuzsegen mit Versikel und Kollekte
fol. 72v-74r Rossarznei
fol. 74v Rosssegen
fol. 74v Rezept für Haarwuchs
fol. 74v Pfeilsegen
fol. 75r Würfelsegen
fol. 75r Drei-Brüder-Segen
fol. 75v-76r Sechzehn kurze Segen und abergläubische Ratschläge
fol. 76v Schutzsegen
fol. 76v Befreiung eines Gefangenen
fol. 76v Morgensegen
gedruckte Editionen
  • Lindner 1964: 291-311
  • Maslo 2017: 61-90 (mit nhd. Übersetzung)
digitale Edition Link folgt

Literatur


  • Giese, Martina: Zu den Anfängen der deutschsprachigen Fachliteratur über die Beizjagd, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 125 (2003), S. 494-523.
  • Keil, Gundolf: Art. Ältere deutsche Habichtslehre, in: 2VL 1 (1978), Sp. 285-286.
  • Kornrumpf, Gisela; Völker, Paul-Gerhard: Die deutschen mittelalterlichen Handschriften der Universitätsbibliothek München (Die Handschriften der Universitätsbibliothek München 1), Wiesbaden 1968.
  • Lindner, Kurt (Hg.): Die deutsche Habichtslehre. Das Beizbüchlein und seine Quellen (Quellen und Studien zur Geschichte der Jagd 2), Berlin 21964.
  • Maslo, André (Hg.): Die 'Habichtslehren' des deutschen Spätmittelalters. Eine Quellenstudie zu Sprache, Herkunft und Kulturgeschichte (Imagines Medii Aevi. Interdisziplinäre Beiträge zur Mittelalterforschung 38), Wiesbaden 2017.
  • van den Abeele, Baudouin: Zum Phänomen der 'Relatinisieren' in der mittelalterlichen Fachliteratur. Die Entstehungsgeschichte der 'Jüngeren deutschen Habichtslehre', in: Sudhoffs Archiv 81 (1997), S. 105-119.