Tegernseer Angel- und Fischbüchlein

Aus Artesliteratur
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Das Tegernseer Angel- und Fischbüchlein setzt sich aus verschiedenen Anleitungen und Informationen zum Fischfang zusammen und wurde in der Forschung in sechs (oder teilweise fünf) Abschnitte bzw. Texte eingeteilt. Frühestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde es mit dem Tegernseer Wirtschaftsbüchlein, bestehend aus zwei Eintragskalendern (fol. 12v–30v und 36r–44v) und einem Speisenbuch (fol. 45r–85r), zu einer ‚zusammengesetzten Handschrift‘ zusammengebunden (Klug/Kranich 2015: 128), in der es an letzter Stelle steht (fol. 97r–109v). Die Handschrift befindet sich heute unter der Signatur Cgm 8137 in der Bayerischen StaatsBibliothek München. Während das Speisenbuch in der Handschrift auf 1453 und 1462 und der jüngere Kalender auf 1534 datiert wird (Klug/Kranich 2015: 128), fehlt eine genaue Datierung im Angel- und Fischbüchlein, das in der Forschung knapp vor dem Übergang vom 15. ins 16. Jahrhundert verortet wird (Vgl. Malm 20015: 1476). Laut Hoffmann deutet ein auf 1497–1505 datierbares Wasserzeichen auf eine Niederschrift um das Jahr 1500 hin („Piccard Crown: Abt. VI #28“, Hoffmann 1997: 116/131). Geschrieben wurde das Büchlein im Gegensatz zu den anderen in der Handschrift überlieferten Texten von nur einer Hand, in der Frater Placidus im Küchenamt des Tegernseer Benediktinerklosters vermutet wurde (Vgl. Keil/Reininger 1995: 664, Vgl. auch Eis 1961: 128). Daneben war auch Martin Vörchel aus Egern (südl. am Tegernsee), der im Angel- und Fischbüchlein genannt wird (fol. 104r), nachweislich um die Jahrhundertwende mit der klösterlichen Fischerei betraut (Vgl. Hoffmann 1997: 117f.). Mit Blick auf die beschriebene Mitüberlieferung, sollte das Angel- und Fischbüchlein wohl speziell der Nahrungsmittelbeschaffung und die gesamte Handschrift der „nicht zuletzt kulinarische[n] Gestaltung des christlichen Fastens“ (Klug/Kranich 2015: 128) dienen. Einschränkend muss hier bedacht werden, dass die behandelten Fischfangmethoden nicht zu den ertragreicheren gehören, die wohl ebenfalls vom Kloster ausgehend Anwendung fanden (Vgl. Hoffmann 1997: 128ff.).

Inhalt und Quellen

Die sechs Texte, aus denen sich das Tegernseer Angel- und Fischbüchlein zusammensetzt, bestehen wiederum aus einzelnen Anleitungen und Ratschlägen zum Fischfang. Im ersten Text (fol. 97r–104r) wird neben dem Fischfang mit Naturködern auch das Fliegenfischen mit dem vederangel behandelt. Die Köder – die Kunstfliegen – werden an Gewässertyp und -trübe, Jahres- und Tageszeit sowie am Zielfisch und dessen Beute orientiert in verschiedenen Farbkombinationen vorgestellt. Daneben werden u.a. die richtige Herstellung und Wahl der Angelschnur, Angelmontagen und das korrekte Ausdrillen beispielhaft größerer Äschen und Forellen (fol. 101v) behandelt. Letztere Inhalte werden über die Worte eines griechischen Meisters an seinen Sohn vermittelt (Hie lert ain maiſt(er) vo(n) kriech(e)n land(e)n sein Sun viſch(e)n […], fol. 100v). Als Urheber der letzten Anleitung mit Rezept wird der eingangs genannte Martin Vörchel angegeben (fol. 104r). Aus dem 16. und 18. Jahrhundert ist der erste Text im sog. Münchner Angelbuch und Salzburger Vischpiechl überliefert (Vgl. Keil/Reininger 1995: 664).

Der zweite Text (fol. 104v–105r) wird mit dem Titel Viſch Speyſ(e)n (fol. 104v) eingeleitet. Er beinhaltet kleinere lateinische Einschübe im vernakulärsprachigen Text. Auf eine vermutlich der Fischmast dienende Anleitung folgen zwölf Anleitungen zur Köderherstellung. Bemerkenswert ist dabei wie im Fischbüchlein vom Bodensee und dem Fisch- und Vogelfangbüchlein des Johannes Rittershofen die Beschreibung zweier Bakterienlampen (fol. 104v/105r). Auf faulem Holz und Fisch angesiedelte Leuchtbakterien erzeugen darin neben Glühwürmchen einen Schein, der die Fische in die Fischreuse locken soll.

Der dritte Text (fol. 105v–107v) trägt die Überschrift wie man viſch fah(e)n ſol und vög(e)l (fol. 105v). Es handelt sich um eine Redaktion des Fisch- und Vogelfangbüchleins des Johannes Rittershofen, die im Unterschied zu den übrigen Textzeugen in einer Mischung aus lateinischer und deutscher Sprache verfasst wurde. Als vierter Text (fol. 107v–108r) folgt der ebenfalls über Rittershofens Fisch- und Vogelfangbüchlein bekannte Fischkalender, in dem sich im Unterschied zum dritten Text nur wenige lateinische Einschübe finden.

Text fünf (fol. 108r/v) und sechs (fol. 108v–109v) schließlich wurden in der Forschung teils als ein Abschnitt verstanden (so z.B. Eis 1961: 128) und sind im handschriftlichen Befund nicht klar voneinander getrennt überliefert. Der fünfte Text beinhaltet neben zwei Köderrezepten eine zweispaltige Auflistung über 15 tierische Köder wie Würmer und Käfer. Es folgt eine Beschreibung von Kunstfliegen für eine federſchnuer (fol. 108v) und eine Zuordnung von tierischen Ködern zu verschiedenen Jahreszeiten. Der sechste Text schließt mit teils auf bestimmte Zielfische ausgerichtete Anleitungen zur Köderherstellung an, die zum Teil Rezepten im Arzneibuch des Anton Trutmann (Bern, Burgerbibl., Ms. Hist. Helv. XI 61) ähneln.

Überlieferung


Informationen zum Codex

Handschriftencensus https://handschriftencensus.de/3885
Digitalisat urn:nbn:de:bvb:12-bsb00076122-5

Informationen zum Text

Beschreibstoff Papier
Blattgröße 15,5 x 10,5 cm (gesamte Handschrift)
Spaltenzahl einspaltig; Ausnahme: zweispaltige Auflistung von

15 Naturködern auf fol. 108r

Zeilen 14–34
Entstehungszeit Ende 15. Jh., nach 1493 (vgl. Malm 20015: 1476),

bzw. um 1500 (vgl. Hoffmann 1997: 116/131)

Entstehungsort Benediktinerkloster Tegernsee
Schreibsprache bair.
Schreiber/Hände eine Hand, Frater Placidus zugeschrieben

(vgl. Keil/Reininger 1995: 664)

Schrift Kursive
Seitenumfang fol. 97r–109v
Incipit Beginn des ersten Textes:

Von erſt in der vaſt(e)n die weil die waſſer gros vnd trueb ſein /

So viſch mit de(m) Rot cheder ang(e)l mit den gel(e)n wur(e)m

aus de(m) miſt der angeſtoſſ(e)n ſey vntz an das hertz / […]

Mitüberlieferung


12v–85r Tegernseer Wirtschaftsbüchlein

(jüngerer Eintragskalender: 12v–30v; älterer

Eintragskalender: 36r–44v, dazwischen leer;

Speisebuch: 45r–85r)

85v–96v leer
97r–109v Tegernseer Angel- und Fischbüchlein
110r–128v leer
gedruckte Edition Birlinger 1869

Hoffmann 1997

digitale Edition Link folgt

Literatur

Birlinger, Anton: Tegernseer Angel- und Fischbüchlein. In: Zeitschrift für deutsches Alterthum N.F. 2=14 (1869), S. 162–179.

Eis, Gerhard/Keil, Gundolf: Nachträge zum Verfasserlexikon. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 83 (1961), S. 167–226 [s.v. ‚Tegernseer Angel- und Fischbüchlein‘ (Eis), S. 217–218].

Hoffmann, Richard C.: Fisher’s Craft and Lettered Art: Tracts on Fishing from the End of the Middle Ages (= Toronto medieval texts and translations 12). Toronto/Buffalo/London 1997.

Keil, Gundolf/Reininger, Monika: Art. „Tegernseer Angel- und Fischbüchlein“. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon, Bd. 9. 21995, Sp. 664–665.

Klug, Helmut W./Kranich, Karin: Das Edieren von handschriftlichen Kochrezepttexten am Weg ins digitale Zeitalter: Zur Neuedition des Tegernseer Wirtschaftsbuches. In: Vom Nutzen der Editionen: Zur Bedeutung moderner Editorik für die Erforschung von Literatur- und Kulturgeschichte, herausgegeben von Thomas Bein (= Beihefte zu Editio 39). Berlin/Boston 2015, S. 121–137. Malm, Mike: Art. „Tegernseer Angel- und Fischbüchlein“. In: Deutsches Literatur-Lexikon: Das Mittelalter, Bd. 7: Das wissensvermittelnde Schrifttum im 15. Jahrhundert. 2015, Sp. 1476–1477.